Sexualisierte Gewalt beim HSV – Wir wollen nicht länger wegschauen!

Hand am Arsch, Sprüche beim Bierholen, in den Weg stellen im Sonderzug, anzügliche Nachrichten per Whatsapp, Vergewaltigungen verharmlosende Gesänge… Die Formen sexualisierter Gewalt in den Fußballfanszenen und auch in unserer Szene sind vielfältig. Das, was ihnen unter anderem zugrunde liegt, ist eindeutig: Sexismus.

Sexismus meint die Abwertung aufgrund des zugeschriebenen Geschlechts. Sexismus kann sich, wie andere Formen der Diskriminierung und Ungleichbehandlung auch, in verschiedensten Formen zeigen, unter anderem als sogenannte sexualisierte Gewalt.

Sexualisierte Gewalt sind Gesänge wie “Zieh ihn raus, steck ihn rein für den Verein”, Rufe wie “Spinne” und “Puppe” oder Aussagen wie “Na, hast die Alte letzte Woche noch weggemacht?” und “Na du schöne Frau, hast du nicht Lust mir einen zu blasen?”. Sexualisierte Gewalt meint auch, Frauen hinterher zu pfeifen, sie anzustarren oder ihnen vulgäre Sprüche zuzurufen. Immer wieder berichten z.B. Frauen im Fußball, dass sie Sprüche von Männern gedrückt bekommen, wenn sie alleine Bier holen gehen und nichts hören, wenn sie mit männlicher Begleitung unterwegs sind.
Sexualisierte Gewalt werden körperliche Handlungen genannt, die von der betroffenen Person nicht gewollt werden, wie beispielsweise die “Hand am Arsch”, wenn man einen vollen Block betritt oder durch den Sonderzug läuft, bis hin zur Vergewaltigung.
Gerade Frauen, die neu in eine Fußballfanszene kommen und sich erstmal noch “beweisen müssen”, erzählen später häufig, wie stark sie in der Zeit von sexualisierter Gewalt betroffen waren.

Auch bei unserem Verein und in unserer Fanszene ist sexualisierte Gewalt keine Ausnahmeerscheinung, sondern Normalität. Von sexualisierter Gewalt können auch Männer betroffen und die grenzüberschreitenden Personen auch weiblich sein, in den allermeisten Fällen allerdings sind die Täter Männer und die Betroffenen Frauen. Wir wollen nicht mehr länger wegschauen und nichts tun. Wir wollen das Problem der sexualisisierten Gewalt angehen und die Betroffenen unterstützen.

Wie können wir Betroffene von sexualisierter Gewalt unterstützen?
Zuallererst: Hört den Betroffenen zu und stellt das Gehörte nicht in Frage. Jede Person entscheidet selbst, wann ihre Grenzen verletzt wurden. Seid aufmerksam und lasst sexistische Sprüche nicht unkommentiert stehen. Wenn wir sexualisierte Gewalt beim HSV nicht länger hinnehmen wollen, brauchen wir ein Klima bei uns, was Sexisten keinen Raum gibt.

Was könnt ihr konkret als Männer beim HSV tun?
Unterstützt Frauen, wenn sie um Unterstützung bitten. Wenn ihr euch nicht sicher seid, wie ihr unterstützen könnt, fragt sie einfach. Apropos fragen, hinterfragt euch selber, ob ihr schon einmal übergriffig wart und was ihr bisher tut, um Frauen zu supporten. Informiert euch darüber, was sexualisierte Gewalt ist, wo sie beginnt und wie ein Umgang damit aussehen kann – nur so könnt ihr sie erkennen und wissen, wie ihr Betroffene unterstützen könnt. Sprecht auch mit Männern untereinander, und nicht nur mit Frauen, über das Thema und sagt auch dann etwas gegen sexistische Äußerungen, wenn ihr nur unter Männern seid. Habt die Frauen in euren Gruppen und Zusammenhängen auf dem Schirm und fragt sie, ob sie bei Aktionen und Fahrten dabei sein wollen. Ihr findet es sexistisch, wenn Frauen sich unter sich treffen, um sich so einen Schutzraum vor sexualisierter Gewalt zu schaffen? Fragt und hinterfragt euch lieber, wie in diesem Fall Wirkung und Ursache wirklich miteinander zusammenhängen. Denn allzu oft sitzt ihr in elitären, rein männlichen Runden zusammen. Diese Männerbündelei ist wiederum der Auslöser dafür, dass sich Frauen miteinander zusammenschließen

Und was könnt ihr als Frauen beim HSV tun?
Macht euch darüber bewusst, dass ihr nicht alleine mit euren Erfahrungen seid. Alle Frauen beim Fußball erleben verschiedene Formen sexualisierter Gewalt, auch wenn manche sich damit nicht auseinandersetzen wollen. Am wichtigsten ist zu verstehen, dass ihr nicht Schuld daran seid, wenn ihr sexualisierte Gewalt erfahrt. Auch dann nicht, wenn ihr mit Minirock und hohen Schuhen ins Volksparkstadion kommt. Ihr könnt anziehen was ihr wollt, denn kein Outfit der Welt gibt jemand anderem das Recht, euch gegenüber Grenzen zu überschreiten. Auch unter den Frauen beim HSV passiert es viel zu häufig, dass abschätzig übereinander geredet wird, z.B., weil eine Frau sich angeblich zu weiblich für den Fußball anziehe. Hier kann eine solidarische Vernetzung unter den Frauen helfen. Im Februar 2020 gab es z.B. einen ersten Auswärtsbus von und mit Frauen zum Spiel nach Hannover und seitdem immer wieder verschiedene Vernetzungen unter Frauen beim HSV. Wenn ihr von sexualisierter Gewalt betroffen seid und Beratung braucht oder euch mehr zu dem Thema informieren wollt, dann gibt es verschiedene Stellen, an die ihr euch wenden könnt (siehe unten).

Sexismus und sexualisierte Gewalt im Fußball führen dazu, dass viele Frauen sich immer wieder unwohl im Stadion fühlen oder strukturell von bestimmten Posten im Fußball (Vorstand, Vorsänger, Trainer usw.) ausgeschlossen werden. Männer wiederum profitieren tagtäglich (häufig unbewusst) von sexistischen Zuständen im Fußball und in unserer Gesellschaft. Kein Wunder also, dass viele Männer kein Interesse daran haben, diese sexistischen Verhältnisse im Fußball zu verändern.

Sexismus ist kein Phänomen, was alleine auftritt, sondern es ist mit anderen Formen der Diskriminierung verschränkt. So sind z.B. queere Frauen oder Women of Color nicht nur Sexismus, sondern auch Queerfeindlichkeiten oder Rassismus ausgesetzt. Es macht also Sinn, die verschiedenen Formen von Diskriminierungen zusammen zu denken.

Lasst uns gemeinsam für einen HSV einstehen, der für alle offen ist und Frauen nicht durch Gesänge, Sprüche oder dem Erzwingen von sexuellen Handlungen herabwürdigt und demütigt. Lasst uns über sexualisierte Gewalt reden und das Thema nicht länger verschweigen, denn nur so können wir etwas ändern.

Netzwerk Erinnerungsarbeit im Juni 2021

 

Links:

Frauennotruf Hamburg: https://www.frauennotruf-hamburg.de/

Netz E Podcast zu “Frauen beim HSV”: http://netzwerk-erinnerungsarbeit.de/?p=527

(öffnet in neuem Tab)

Oder bei Spotify: https://open.spotify.com/episode/4xxPT6NbpvMPJZzoeBjb8c?si=uyX_GJb4QcqdtLr80rZHEQ&dl_branch=1

Ankerplatz: www.hsv.de/fans/fanbeauftragte/projekte/anlauf-und-schutzstelle-ankerplatz

F_in: www.f-in.org

Handlungskonzept gegen sexualisierte Gewalt vom Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt: www.fussball-gegen-sexismus.de/wp-content/uploads/2019/12/Brosch%c3%bcre_Handlungskonzept_Auflage_3.pdf

FRÜF-Podcast über Sexualisierte Gewalt im Fußball: www.fruef.de/10-sexualisierte-gewalt-im-fussball

Flutlicht an – Podcast über sexualisierte Gewalt im Stadion: https://flutlicht-an.podigee.io/5-episode-4-eva-lotta-bohle

Netzwerk – Der Podcast vom Netz E – Folge 07

Folge 07 – Frauen beim HSV

Frauen sind selbstverständlicher Teil des HSV. Und trotzdem sind die wichtigsten Ansprechpartner der Fanszene und im Verein fast alle männlich, der Frauenfußball spielt beim HSV nur eine sehr kleine Rolle und sexistische Beleidigungen und sexualisierte Gewalt sind für Frauen an Spieltagen Alltag. Annabell und Paula (bekannt aus Folge 0 und Folge 1) sprachen mit drei Frauen vom HSV über ihre Highlights, ihr Fansein, sexistische Erfahrungen und welche Wünsche sie an den Verein, die Fanszene und das Fanprojekt haben. Ein großer Dank an Jule, Karo und Katha, dass wir mit euch dieses tolle Gespräch führen durften!

Ihr könnt diese Folge, wie alle anderen, auch bei Spotify hören: https://open.spotify.com/episode/4xxPT6NbpvMPJZzoeBjb8c?si=uyX_GJb4QcqdtLr80rZHEQ&dl_branch=1

Shownotes:

Sexualisierte Gewalt beim HSV – Wir wollen nicht länger wegschauen!: http://netzwerk-erinnerungsarbeit.de/?p=520

Podcast FRÜF – Frauen reden über Fußball: www.fruef.de

Podcast Flutlicht an! Im Gespräch mit der Wortpiratin: https://podcast.sport1.de/podcasts/flutlicht-an-im-gespraech-mit-der-wortpiratin-mara-pfeiffer/

F_in: www.f-in.org

Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt: www.fussball-gegen-sexismus.de

Fan.Tastic Females: www.fan-tastic-females.org/index.php/de

Ankerplatz: www.hsv.de/fans/fanbeauftragte/projekte/anlauf-und-schutzstelle-ankerplatz

Prioritätenordnung des SFV: www.instagram.com/p/CO2zoLlLtT-/?utm_source=ig_web_copy_link

Podiumsdiskussion F_in – Konferenz „Frauenquote und dann? Fußball divers denken“ als Podcast: https://www.fruef.de/b5-b5-frauenquote-und-dann-fussball-divers-denken

Deutschlandfunk – Podcast über weibliche Ultras und Frauen im Fußball: https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=751021

Antisemitismus auf Hamburgs Straßen – Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden

Da sich in den vergangenen Tagen verschiedene Fans des HSV öffentlich antisemitisch äußerten, möchten wir uns an dieser Stelle klar positionieren. Auch wenn der israelisch-palästinensische Konflikt für uns als Netzwerk Erinnerungsarbeit (Netz E) kein primäres Thema ist, ist es das Bekämpfen von Antisemitismus und allen anderen Formen der Diskriminierung im HSV schon. So hat nicht nur das Verhalten einiger HSV-Fans, sondern auch etliche antisemitische Vorfälle in diversen Städten Deutschlands, darunter auch Hamburg, gezeigt, wie präsent Antisemitismus beim HSV, beim Fußball und in unserer Gesellschaft insgesamt noch ist.

Vor zwei Monaten hat der HSV die Antisemitismus-Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) angenommen (www.hsv.de/news/hsv-uebernimmt-arbeitsdefinition-von-antisemitismus). Uns als Netz E ist es wichtig, diese mit Leben zu füllen und auf antisemitischen Hass in unserem Umfeld und in unserer Stadt aufmerksam zu machen.

Neben den Versammlungen in Berlin, Bremen oder auch Köln, gab es auch mehrere Kundgebungen in Hamburg, bei denen weite Teile der Teilnehmenden sich hinter antisemitischen Parolen versammelten. Bei der „Kundgebung zum Tag der Nakba“ am Samstag entlud sich dabei, wie auch in vielen anderen Städten Deutschlands, Antisemitismus offen und ungehemmt. Unter den Teilnehmenden dieser Veranstaltung befanden sich auch HSV-Fans.

In der Hamburger Innenstadt, unweit des Altonaer Bahnhofs skandierten Redner*innen der Veranstaltung den Slogan „Kindermörder Israel“ (https://t.co/7zwit9zjTZ), der an antisemitische Verschwörungserzählungen, wie die der Ritualmordlegende, anknüpft. Diese stammt aus dem Mittelalter und bezichtigte jüdische Menschen des Opfermordes an christlichen Kindern. Die Antisemitismusdefinition der IHRA fasst diese Verknüpfung unter israelbezogenen Antisemitismus (holocaustremembrance.com/de/resources/working-definitions-charters/arbeitsdefinition-von-antisemitismus).

Jener israelbezogener Antisemitismus zeigte sich in den letzten Tagen auch in einigen Äußerungen von HSV-Fans in den sozialen Medien. Beispielsweise in dem der Zionismus und/oder der Staat Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wurde. Eine solche Gleichsetzung bedient nicht nur offensichtliche Unwahrheiten sondern verhöhnt auch die Opfer des Nationalsozialismus, deren Nachfahren einen Großteil der israelischen Bevölkerung ausmachen. Derartige Vergleiche sind, nicht nur laut der IHRA-Definition, zweifelsfrei antisemitisch.

Für uns ist klar: Antisemitismus hat beim HSV und auf Hamburgs Straßen nichts zu suchen! Wer dafür sorgt, dass sich Jüdinnen und Juden in Deutschland an die Verbrechen der NS-Zeit erinnert fühlen und nicht angstfrei auf die Straßen gehen können, äußert keine Meinung. Deshalb haben Antisemit*innen in unseren Reihen keinen Platz und wir stellen uns gegen jeden Antisemitismus im Umfeld unseres HSV, der Stadt Hamburg und überall sonst.

Erinnerung bedeutet, die Gegenwart zu gestalten und aus der Vergangenheit zu lernen. Die Solidaritätskundgebung der Schalker Fan-Initiative mit der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen am vergangenen Freitag setzt deshalb das richtige Zeichen. Das, was wir gerade dafür tun können, dass Jüdinnen und Juden sich nicht alleine gelassen fühlen, ist öffentlich Haltung und Solidarität zu zeigen.

Menschen, die Betroffene oder Zeug*innen antisemitischer Äußerungen und Gewalttaten werden, können dies, neben der strafrechtlichen Verfolgung, melden. Dokumentation, Hilfe und Beratung findet ihr unter anderem bei: RIAS (report-antisemitism.de) und OFEK e.V. (ofek-beratung.de).

Gegen jeden Antisemitismus! In Solidarität mit den jüdischen Gemeinden in Hamburg und auf der ganzen Welt.

Netzwerk – Der Podcast vom Netz E – Folge 06

Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Am 20. April 2021 jährt sich zum 76. Mal ein schreckliches Verbrechen, welches durch Nationalsozialisten in Hamburg-Rothenburgsort verübt wurde. Im Keller der Schule am Bullenhuser Damm wurden zwanzig jüdische Kinder in der Nacht auf den 21. April 1945 ermordet. Die Kinder wurden zuvor Opfer grausamer Menschenversuche. Sie wurden ermordet, um die Spuren dieser Experimente zu verwischen. Die Tat und der Gedenkort sind vielen Hamburger*innen heute immer noch unbekannt. Warum ist das so? Was wissen wir heute über die Geschichte der Kinder? Wie kann das Gedenken an die Kinder und weitere Opfer des NS stärker in den Fokus der Stadtgesellschaft rücken? Und was haben wir als HSV-Fans damit zu tun? Darüber sprechen wir mit Nicole Mattern, die die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm leitet. Mit ihr arbeiten wir die Tat und ihre Umstände, aber auch den Kampf um das Erinnern an die Kinder auf. Zudem diskutieren wir, wieso auch der HSV eine Rolle in der Erinnerungskultur Hamburgs spielen muss.

Die Schilderung der Ermordung der Kinder ist Teil dieser Podcast-Folge. Falls ihr euch diese Schilderung nicht anhören möchtet, empfehlen wir euch das Segment von ca. 14:50 bis ca. 19:08 zu überspringen.

Den Link zur digitalen Gedenkfeier findet ihr am 20.04. ab 18 Uhr und darüber hinaus unter http://www.kinder-vom-bullenhuser-damm.de/ . Dort bekommt ihr auch viele weitere Informationen zur Vereinigung und zur Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm.

Die Veranstaltung des Netzwerk Erinnerungsarbeit am 27.04. um 19 Uhr wird live gestreamt. Auf http://netzwerk-erinnerungsarbeit.de/ wird rechtzeitig der entsprechende Link veröffentlicht.

In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 wurden in Hamburg 20 jüdische Kinder von der SS ermordet. Sie waren 5 bis 12 Jahre alt.

Mania Altman – 5 Jahre, Polin

Lelka Birnbaum – 12 Jahre, Polin

Sergio de Simone – 7 Jahre, Italiener

Surcis Goldinger – 11 Jahre, Polin

Riwka Herszberg – 7 Jahre, Polin

Alexander Hornemann – 8 Jahre, Niederländer

Eduard Hornemann – 12 Jahre, Niederländer

Marek James – 6 Jahre, Pole

Walter Jungleib – 12 Jahre, Slowake

Lea Klygermann – 8 Jahre, Polin

Georges-André Kohn – 12 Jahre, Franzose

Bluma Mekler – 11 Jahre, Polin

Jacqueline Morgenstern – 12 Jahre, Französin

Eduard Reichenbaum – 10 Jahre, Pole

Marek Steinbaum – 10 Jahre, Pole

H. Wassermann – 8 Jahre, Polin

Eleonora Witońska – 5 Jahre, Polin

Roman Witoński – 7 Jahre, Pole

Roman Zeller – 12 Jahre, Pole

Ruchla Zylberberg – 9 Jahre, Polin

Zusammen mit den Kindern wurden in dieser Nacht die vier Betreuer der Kinder und 24 sowjetische Häftlinge ermordet.

Zur Person Tomasz Froelich: Rechtsextreme Positionen offenlegen – Solidarität mit antirassistischen Fan-Initiativen!

Vor rund sechs Wochen machte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Alternativen (Jugendorganisation der AfD), Tomasz Froelich, in sozialen Netzwerken auf sich aufmerksam. Einen mutmaßlichen Angriff auf AfD-Mitarbeiter an einem Wahlstand, nahm der Pressesprecher der AfD im EU-Parlament zum Anlass, die Einführung von Schlägertrupps, oder in seinen Worten „stabiler Leute“ zu fordern, damit „Ruhe“ sei. Diese sollten passenderweise den Namen Sicherheitsdienst tragen. Sicherheitsdienst, kurz SD, hieß der Geheimdienst der NSDAP und der Schutzstaffel (SS) zur Zeit des Nationalsozialismus.

Dürfte viele Menschen dieser Vorschlag seitens eines AfD-Politikers wenig überraschen, so stellt er für uns doch den Anlass dar, sich der Person Tomasz Froelich genauer anzunehmen. Denn dieser ist nicht nur AfD-Politiker, sondern auch HSV-Fan. Aus seiner Leidenschaft für den Verein und auch die Glasgow Rangers macht er keinen Hehl, im Gegenteil. Lange Zeit zierten sein Instagram-Profil die Farben beider Klubs und auch auf Facebook und Twitter waren die Vereinsnamen Teil seines Auftritts. Via Instagram verbreitete sich anschließend auch ein Bild, was vor dem Ibrox Park, Spielstätte der Glasgow Rangers, mit anderen Menschen aus dem Umfeld des HSV aufgenommen wurde. Dieses diente antifaschistischen Recherchegruppen als Beleg, dass Froelich durch seine langjährige Nähe zu Hooligan-Kreisen, seinen markigen Worten auch Taten folgen lassen kann.

Unter dem Vorwand, die gezeigten Personen aus seinen öffentlichen und politischen Äußerungen herauszuhalten, wehrte sich Froelich gegen die Weiterverbreitung des Bildes in Verbindung mit seinen Aussagen. Der von Fans geführten Facebook Seite „HSV Fans gegen Rechts“ drohte er mit Schadensersatzforderungen, da angeblich Arbeitgeber*innen von dem Posting Wind bekommen hätten. Neben dieser überzogenen und juristisch vollkommen haltlosen Drohung, argumentierte Froelich auch, dass Vergleiche seiner Äußerungen mit Strukturen aus der NS-Zeit die Taten des Nationalsozialismus verharmlosen und den Opfern nicht gerecht werden würden. Eine interessante Aussage, wenn man bedenkt, was Parteigrößen der AfD wie Björn Höcke oder Alexander Gauland regelmäßig an Relativierungen und Verharmlosungen zu Nazi-Deutschland vom Stapel lassen.

Waren es in den vergangenen Jahren fast ausschließlich die Derbys gegen Celtic und einige ausgewählte internationale Spiele, zu denen sich Froelich beim neuen HSV-Partner blicken ließ, so wagte er sich Ende des Jahres 2019 auch vermehrt wieder zu Auswärtsspielen des HSV, unter anderem in Osnabrück und Basel. Die Nähe, die er zur Fanszene suchte, ebbte schnell wieder ab. Jeglichen Ambitionen, sich im Umfeld der HSV-Fanszene zu bewegen, wurde von den aktiven Gruppen dann auch eine klare Absage erteilt.

Die Äußerung zu möglichen Schlägertrupps, die dazu führte, darf dabei getrost nur als Spitze des Eisberges betrachtet werden. Während seines Studiums in Wien begann Froelich, ehrenamtlich für das Ludwig von Mises Institut zu arbeiten. Dieses ist dafür bekannt, marktradikale Positionen zu vertreten, die z.B. einen Abbau von Sozialleistungen beinhalten, und zudem eng mit der AfD verbandelt zu sein. In der Konsequenz steht das Institut unter anderem für die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts und für ein Wahlrecht ein, dass nur solchen Menschen zugänglich sein soll, die keine Staatsleistungen erhalten (Quelle: https://andreaskemper.org/2020/05/05/degussa-und-antidemokratie/). Ähnliche Ansichten und Positionen vertrat Froelich auch in seinen Publikationen auf dem Blog „eigentümlich frei“. Diese beinhalteten unter anderem Artikel über die „deutsche Täuschungspresse“ (Quelle: https://ef-magazin.de/2016/10/03/9867-wahlsieger-oder-wahlverlierer-viktor-orbn-das-fluechtlingsreferendum-und-die-deutsche-taeuschungspresse) oder ein Interview mit dem Österreich-Chef der rechtsextremistischen Identitären Bewegung, Martin Sellner (Quelle: https://ef-magazin.de/2016/09/12/9764-interview-mit-martin-sellner-identitaere-bewegung).

Sein libertäres (staatliche Regulierung weitestgehend ablehnendes) Wirken und Positionen wie die, das staatliche Bildungssystem aufzulösen und zu privatisieren, ebenso wie den gebührenfinanzierten Rundfunk (Quelle: https://forum-freie-gesellschaft.de/thomasz-m-froelich-bildungsvielfalt-statt-bildungseinfalt/), brachten Froelich in die Rolle als Büroleiter von Jörg Meuthen. Zunächst im Landtag von Baden-Württemberg, dann in Brüssel. Doch seit kurzem dient Froelich nicht mehr Meuthen allein, sondern der gesamten AfD-Fraktion im europäischen Parlament. Konsequenterweise haben sich seine, für AfD-Verhältnisse, gemäßigten Töne im Meuthen-Stil dann auch gewandelt. Die Twitter-Bio wird nicht mehr von einem „Libertär“ sondern von einem „Rechts und gegen Umverteilung“ geziert. Dazu passt nun auch das gesamte Auftreten Froelichs. In den Beiträgen seines Facebook-Profils schreibt er diskriminierend von „aggressiven Nafris“, nutzt rassistische Zuschreibungen wie die „Vitalität von Orientalen und Afrikanern“ sowie die „Produktivität des Asiaten“ oder beschwert sich über die „Gendergrünglobohomoagenda“ und die „dauerhafte Verächtlichmachung von Weißen“. Auch der Deep State, Teil der rechtsextremen Verschwörungsideologie „QAnon“, kommt in Froelichs Thesen zu den USA vor.

Zusätzlich genießt er in seiner Rolle als Moderator des „Blick auf Brüssel“, sichtlich das Rampenlicht. Dort interviewt er EU-Abgeordnete seiner Partei zu unterschiedlichen Themen. Aussagen wie von Nicolaus Fest, der von „phänotypisch drei Männern, von denen zwei aber schwul sind“ spricht, werden von Froelich mit herzlichem Lachen begrüßt. Maximilian Krah bekommt bei ihm die Möglichkeit, über „Politik, die aus Washington vorgegeben wird“ zu sprechen und Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future als „Gesellschaftszerstörung“ zu bezeichnen. Zum Thema Migration darf Bernhard Zimniok in der Sendung von „Bevölkerungsauffüllung“ reden. Kurzum: Froelich fühlt sich wohl im neuen radikalen Gewand, das unter Meuthen noch nicht möglich war.

Auch ansonsten sind seine Positionen voll auf Linie der Flügelfraktion (völkisch-rechtsextreme Gruppierung in der AfD, die offiziell aufgelöst wurde). Zur Situation geflüchteter Menschen auf Moria fällt ihm nur ein, dass „Europa überlaufen“ werde und es „unser gutes Recht, unsere Heimat zu bewahren“ sei. Geflüchtete müssten abgeschoben werden, denn „es sind jetzt schon zu viele davon bei uns“. Menschen lassen sich also in Gruppen einteilen, die eben häufig oder weniger häufig in Deutschland vertreten sein dürfen, nichts anderes implizieren Begrifflichkeiten wie „davon“. Generell spricht sich Froelich für die Abschaffung des Asylrechts aus, also die Abschaffung von Grundrechten (Quelle: https://www.jetzt.de/politik/krise-auf-lesbos-tomasz-froelich-von-der-jungen-alternative-zur-situation-der-gefluechteten).

Über die Linie seiner Partei hinaus ist Froelich auch im sonstigen rechten Spektrum bestens vernetzt. Neben einer Kolumne für den rechtspopulistischen Deutschlandkurier, nahm er auch Podcast-Folgen mit der rechtsradikalen Ein-Prozent Bewegung auf. Für beide Medien setzte er sich prominent ein, nachdem deren Youtube-Kanäle wegen menschenfeindlicher Inhalte gesperrt wurden. Seine Social-Media-Profile beinhalten zudem ein Who is Who der rechten Szene. Ob Corona-verharmlosende Scherze von Dubravko Mandic, gegen den bereits das dritte Parteiausschlussverfahren läuft, oder sexistische Gewaltfantasien gegen politisch Andersdenkende von Kollegen der JA, Schmerzgrenzen gibt es bei Froelich keine.

Statements wie das der Hamburger Fanszene (Quelle: http://xn--nordtribne-hamburg-t6b.de/2021/02/stellungnahme/) sind deshalb wichtig, damit Personen wie Froelich keinen Schulterschluss mit Fangruppierungen üben können. Dass Faschisten nicht mehr nur Springerstiefel und Glatze tragen, sondern ihren Kleidungsstil angepasst haben, wird auch hier deutlich. Als beinharter Casual trägt er Burberry Schal, Stone Island Jacke und New Balance Schuhe. Hinzu kommt seine verkürzte Kritik am Kapitalismus und dem „modernen Fußball“, die er mit Menschenfeindlichkeit verpackt. Die scheint für ihn allerdings weniger ein Problem zu sein, als der antirassistische Konsens vieler Fangruppierungen in den Kurven.

Dass dieser Konsens in Hamburg, auch dank Fan-Initiativen wie der Facebook Seite „HSV Fans gegen Rechts“ und Recherchegruppen, zu großen Teilen Einzug gefunden hat, ist ein großes Verdienst. Dies gilt es, gerade in Zeiten von gesellschaftlichen Rechtsrucktendenzen, zu verteidigen und auszubauen. Damit sich in Deutschlands Fankurven nicht nur weiße, gewaltbereite Männer, sondern auch alle anderen Teile der Gesellschaft wohlfühlen und ausleben können. Und damit Menschen wie Tomasz Froelich sich nicht mehr mit einem Lifestyle schmücken können, den sie politisch bekämpfen und ihren Menschenhass nicht mehr im Stadion ausleben können. Unsere Solidarität gilt daher den „HSV Fans gegen Rechts“ und allen anderen Engagierten, die aufgrund ihrer kritischen Haltung ins Visier rechter Hassrede geraten.

Wie wollen wir gedenken?

Wir möchten uns ganz herzlich bei allen Teilnehmer*innen bedanken.

Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist auf unserem Youtubekanal zu sehen!

Ein Gespräch über Erinnerungskultur im Fußball

Vor über einem Jahr, am 27.1.2020, weihte der HSV auf Initiative des Netzwerks Erinnerungsarbeit eine Tafel in Gedenken an die Verfolgten des Nationalsozialismus ein. Seitdem steht diese Tafel am Eingang Nord-Ost neben dem Eingang zum Fanrestaurant „Die Raute“.

Das war ein wichtiger Schritt, der aber nur einer von vielen sein kann. Gedenken ist ein stetiger und aktiver Prozess, der mit dem Aufstellen einer Tafel nicht beendet ist. Doch wie wollen wir als HSV diesen Prozess angehen? Wie möchten wir als Verein und Fans in Zukunft Mitgliedern der HSV-Familie, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden, gedenken? Wie gehen wir damit um, dass etliche HSVer Täter im Nationalsozialismus waren?

Wir haben zum 27.1.2021 zahlreiche Fanclubs und Vereinsgremien angeschrieben und gefragt, wie wir gedenken wollen. Um diese Ergebnisse vorzustellen und uns weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, veranstalten wir am 27.4. um 19.00 Uhr ein Online-Podium. Die Referent*innen kommen aus unterschiedlichen Fußball-Kontexten und diskutieren darüber, wie Erinnerungskultur speziell beim HSV und allgemein im Fußball aussehen kann, was es dabei zu beachten gilt und wo aktuelle Herausforderungen, aber auch Chancen liegen.

Mit auf dem Podium sind:

Felix Tamsut: Freier Journalist, der über Fankultur in Deutschland berichtet. Er ist selbst aktiver Fan beim 1. FC Köln, kommt aus Israel und ist Jude.

Juliane Röleke: Historikerin, selbstständige Bildungsreferentin, ehemalige wissenschaftliche Leitung des Projekts „Aus der eigenen Geschichte lernen“ von Hertha BSC, promoviert aktuell zu Alltag und Geschlecht im Nordirlandkonflikt und arbeitet nebenbei weiter für verschiedene Fußballvereine und NS-Gedenkstätten.

Paula Scholz: Kriminologin, freie Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, aktiv im Netzwerk Erinnerungsarbeit, ist Teil vom Netzwerk F_in – Frauen im Fußball und arbeitet an einer Ausstellung über rechten Einfluss auf die HSV-Fanszene der 1980er Jahre.

Niko Stövhase: Leiter des HSV-Museum, erarbeitet gerade mit einer Gruppe Studierender der HAW ein Konzept für einen Gedenkort für verstorbene Fans im HSV-Museum.

Christoph Ruf (freier Journalist und Autor) moderiert die Veranstaltung.

Netzwerk Erinnerungsarbeit (Netz E), März 2021

Netzwerk – Der Podcast vom Netz E – Folge 05

Die „Causa“ Jatta – eine alles andere als normale Ermittlung

Selten wurde über einen Spieler mehr behauptet, erfunden und zusammengereimt als über Bakery Jatta. Wir fragen uns: Warum das alles? Wann hört das endlich auf? Dazu verschaffen wir uns in dieser Folge einen Überblick, was Spieler und Verein schon alles über sich ergehen lassen mussten. Zudem möchten wir den Blick auf das weiten, was viele Menschen mit Fluchterfahrung tagtäglich in Deutschland von Seiten der Behörden erwartet. Wir haben uns Unterstützung von Leuten geholt, die mehr Ahnung von der Materie haben als wir selbst. Vor allem aber mehr Ahnung als die, die diese Kampagne überhaupt zu verantworten haben. Neben einer Hilfsstelle für Geflüchtete haben wir auch mit Bakerys Anwalt Thomas Bliwier gesprochen. Zu guter Letzt ordnen wir die Dinge aus unserer Sicht ein und stellen klar: No matter what, we got your back!

Aufruf: Wie wollen wir gedenken?

Vor genau einem Jahr, am 27.1.2020, weihte der HSV auf Initiative des Netzwerk Erinnerungsarbeit eine Tafel in Gedenken an die Verfolgten des NS-Regimes ein. Seitdem steht diese Tafel nun am Eingang Nord-Ost neben dem Eingang zur Raute.

Wir freuen uns über diesen wichtigen Schritt, denken aber auch, dass es damit nicht getan ist. Gedenken ist ein stetiger und aktiver Prozess, der mit dem Aufstellen einer Tafel nicht beendet ist. Doch wie wollen wir als HSV diesen Prozess angehen? Wie möchten wir als Verein in Zukunft Mitgliedern der HSV-Familie, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden, gedenken? Diese Frage ist sicherlich nicht nur von einzelnen Gruppen, Personen oder Institutionen unseres Vereins zu beantworten. Viel mehr sollte dies das Ergebnis von konstruktiven Gesprächen und einem Austausch sein.

Daher nutzen wir das heutige Datum, um euch nach euren Meinungen zu fragen: Habt ihr Ideen, Wünsche oder Anliegen in Hinblick auf das zukünftige Gedenken in unserem Verein? Wie würdet ihr Euch ein würdiges Gedenken in unserem Verein wünschen? Welche Projekte schweben Euch vielleicht sogar schon vor? Welche Fragen habt ihr rund um ein gemeinsames Gedenken im Verein?

Wir planen, am 27.4.2021 eine Online-Veranstaltung mit Expert:innen vom HSV und darüber hinaus durchzuführen, wo wir ein Teil eurer Antworten mit einfließen lassen wollen. Also sendet gerne vorab eure Fragen, Anregungen und Wünsche via E-Mail an: NetzE.HSV@mail.de

„Stimmen der Kurve“? – Nazi-Propaganda bleibt Nazi-Propaganda

Seit Mitte Oktober veröffentlicht die neonazistische Partei „Der III. Weg“ auf ihrer Homepage eine Interviewreihe mit dem Titel „Stimmen der Kurve“. In dieser Reihe interviewt die Partei (vermeintliche) Personen aus unterschiedlichen Fußballfanszenen zur Situation in ihrer jeweiligen Szene und zu ihren persönlichen Einschätzungen über rechte Einflussnahme im Fußball. Nachdem bisher Interviews mit Personen aus Bremen, Magdeburg, Stuttgart, Kaiserslautern, Braunschweig, Halle, Berlin, Magdeburg, Chemnitz und von Dynamo Kiew veröffentlicht wurden, lud die Neonazi-Partei am letzten Freitag (22.01.2021) ein Interview über die HSV-Fanszene hoch. Wie in allen bisherigen Interviews beklagt sich der interviewte „Frank“ unter anderem über das Zurückdrängen rechter Strukturen in seiner Szene. Wir wollen diesen Versuch einer rechten Organisation, im Fußball Fuß zu fassen und dabei unseren HSV für ihre Zwecke zu missbrauchen, nicht unkommentiert lassen und diese Interviewreihe als das benennen, was es ist: Nazi-Propaganda.

 

Die Partei „Der III. Weg“ gründete sich im September 2018 in Süddeutschland. An der Gründung waren vor allem ehemalige NPD-Funktionäre sowie Teile des ein Jahr später verbotenen „Freies Netz Süd“, einem Netzwerk von freien Kameradschaften in Bayern, beteiligt. Die Partei ist bisher vor allem in Süd- und Ostdeutschland aktiv. Die Mitglieder verstehen sich selbst mehr als militante Nazi-Elite, denn als Nazi-Partei, die möglichst viele Mitglieder und Stimmen von Wähler:innen gewinnen will. Ihre Positionen sind rassistisch, völkisch und antisemitisch. Die parteiinterne „Arbeitsgruppe Körper & Geist“ bietet vor allem Kampfsporttrainings an. Bisher konnte „Der III. Weg“ in Hamburg noch nicht Fuß fassen, auch wenn es sicherlich in Zukunft Versuche geben wird, die Strukturen auch auf Norddeutschland auszuweiten. Hier gilt es wachsam zu sein und diese Handlungsspielräume immer und überall möglichst klein zu halten.

 

Nachdem der bayerische Fußballverein Türkgücü München 2019 in die dritte Liga aufstieg, gab es gegen den Verein immer wieder Proteste von rechts. Vor allem „Der III. Weg“ positionierte sich mit seiner „Türkgücü München nicht willkommen“-Kampagne und etlichen Aufklebern sowie dem Zeigen von Bannern in Städten, in denen Türkgücü danach gespielt hat, deutlich. So scheint der Aufstieg von Türkgücü München für die Neonazi-Partei Anstoß gewesen zu sein, sich vermehrt mit dem Thema Fußball auseinanderzusetzen. Dabei gehen sie der Frage nach, ob die von rechts bisher propagierte Aussage „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ überholt sei und sie fordern, „den Kampf um die Kurven“ zu führen. Auch wenn in vielen Fußballstandorten rechte Akteur:innen immer weniger offensiv auftreten können, sind deren Netzwerke im Fußball bis heute aktiv und reaktivierbar. Dies haben Demonstrationen wie HoGeSa in Köln im Oktober 2015, die Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 oder die Corona-Proteste wie im November 2020 in Leipzig deutlich gezeigt.

 

Wie ist die rechte Einflussnahme beim HSV einzuschätzen? Unsere Fanszene war in den 1980/1990er Jahren stark von rechtsoffenen bis rechten Positionen geprägt. Rassistische und antisemitische Äußerungen waren normal. Im Jahr 1985 waren rechte HSV-Fans an den Morden an Mehmet Kaymakcı (erschlagen in der Nacht vom 24. Juli zum 25. Juli in Hamburg-Langenhorn) und Ramazan Avcı (angegriffen am 21.12. in Hamburg-Eilbek, drei Tage später im Krankenhaus gestorben) beteiligt. Diese Morde sind in unserer Fanszene bis heute nicht aufgearbeitet worden. Trotzdem gibt es positive Veränderungen festzustellen: Immer mehr Gruppen und Fans positionierten sich gegen rechts und setzen sich für einen Fußball ein, der offen für alle ist, egal wo man herkommt, wen man liebt oder wie man aussieht. Allerdings sind die Nordtribüne und unser Verein groß und klar ist auch, dass es dort weiterhin Leute gibt, die rassistische oder anders diskriminierende Positionen teilen. Deswegen gilt es für alle HSV-Fans weiterhin wachsam zu sein – gerade auch in Zeiten geschlossener Stadien – und uns gegen solche plumpen Versuche, den Fußball und unseren HSV für rechte Propaganda zu missbrauchen, zu wehren.

Zum Gedenken an Ramazan Avcı: Betroffenenperspektive stärken, rechten Strukturen entgegentreten!

Heute jährt sich zum 35. Mal der Mord an Ramazan Avcı am Hamburger S-Bahnhof Landwehr. Zusammen mit zwei Begleitern, zu denen auch sein Bruder gehörte, wurde Ramazan Avcı von Neonazis angegriffen, die mit Ketten, Holzkeulen, Axtstielen und Gummiknüppeln bewaffnet waren. Bei der Flucht vor den Angreifern können Ramazan Avcıs Begleiter fliehen, er selbst wird von einem Auto der Neonazis erfasst und anschließend, am Boden liegend, getreten und geschlagen. Er erliegt seinen Verletzungen am 24. Dezember im Krankenhaus. Seine Verlobte, Gülüstan Avcı, bringt wenige Tage später den gemeinsamen Sohn zur Welt. Ramazan Avcı wurde 26 Jahre alt, er hatte große Teile seines Lebens noch vor sich.

Im Prozess gegen die Angeklagten wird Anklage wegen Totschlags erhoben, nicht wegen Mordes. Laut Strafgesetzbuch handelt es sich nur um einen Mord, wenn er aus niederen Beweggründen – wie beispielsweise Rassismus – begangen wurde. Die Argumentation der Staatsanwaltschaft lautet, dass dies auf die Täter zwar zutrifft, dies jedoch nur eine zusätzliche Motivation darstellte (Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/1985-Skins-schlagen-Ramazan-Avci-tot,avci106.html). Hauptsächlich hätten sich die Neonazis wegen des Tränengases rächen wollen, das die drei Angegriffenen zur Verteidigung anwendeten. Die Urteile für Ralph L. und Uwe P. lauten zehn bzw. sechs Jahren Haft wegen Totschlags. Wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung erhalten Volker K. und René W. je dreieinhalb Jahre Jugendstrafe. Norbert B. wird wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die milden Urteile lassen Angehörige und Freund*innen der Familie bis heute fassungslos zurück.

Auch politisch erhielten Gülüstan Avcı und ihr Sohn nur vereinzelt Unterstützung, von offizieller Seite der Stadt oder des Senats kümmerte sich niemand. Bis heute hat sich keine offizielle Stelle bei ihnen gemeldet, um sich zu entschuldigen, es gab keinerlei Entschädigungszahlungen (Quelle: https://www.mopo.de/hamburg/grausame-tat-in-hamburg-sie-schlugen-und-traten-auf-einen-wehrlosen-ein-37809508). Stellvertretend dafür stehen die Aussagen des damaligen Innensenators Rolf Lange (SPD), der erklärt, es handele sich um einen Einzelfall, „das Opfer hätte genauso gut ein Deutscher sein können.“ Auch Oppositionsführer Hartmut Perschau (CDU) wollte „nicht an eine gezielte Aktion gegen einen Ausländer“ glauben (Quelle: https://www.mopo.de/hamburg/ramazan-avci—26—dieser-hamburger-war-eines-der-ersten-opfer-von-rechten–10842944). Der Mord an Ramazan Avcı kann daher nicht isoliert betrachtet werden, er steht stellvertretend für ein gesellschaftliches Klima, welches rechte Gewalttaten schlicht zuließ und förderte. Dutzende Angriffe auf People of Color und Menschen mit Migrationserfahrung fanden in den Monaten und Jahren zuvor statt, auch in Hamburg.

Ähnliche Entwicklungen erleben wir auch heute wieder. Gülüstan Avcı berichtete im Interview mit der taz vom letzten Jahr, dass auch sie in jüngster Vergangenheit auf offener Straße körperlich angegriffen und rassistisch beleidigt wurde (Quelle: https://taz.de/Hinterbliebene-ueber-rassistischen-Mord/!5647296/). In ihr lebt das Gefühl fort, jederzeit zum Opfer werden zu können. Dafür sorgen, neben den Äußerungen von menschenfeindlichen Parteien, auch etablierte Strukturen im Stadtbild. So wie die Täter sich damals in der „Gaststätte Landwehr“ trafen, von der regelmäßig Gewalttaten ausgingen, gibt es leider auch heute noch zahlreiche rechte Treffpunkte und Kneipen in Hamburg. Dazu zählen in Teilen auch Orte, die mit Fußballvereinen und dessen Fans eng verbunden sind. Die Mörder von Ramazan Avcı waren beispielsweise organisierte Anhänger unseres HSV. Als solche waren sie jedoch keinesfalls isoliert. Bei einem Heimspiel im Februar 1986 wurden von rechten Skinheads Flugblätter im Volkspark verteilt, auf denen der Politik die Schuld für die Tat gegeben wurde, da diese zugelassen habe, dass „so viele Ausländer nach Deutschland kämen.“ Indem rechtsextremen Einstellungen Freiräume überlassen werden, werden Angriffe auf Menschen, die nicht in ein neonazistisches Weltbild passen, billigend in Kauf genommen. Dagegen gilt es, sich zu organisieren und solchen Strukturen entgegen zu treten.

Dem Engagement von Gülüstan Avcı und der Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı ist es zu verdanken, dass im Jahr 2012 der Tatort am S-Bahnhof Landwehr in Ramazan- Avcı-Platz umbenannt worden ist. Einen Platz zum Gedenken an die Opfer und zur Information über rechtsextreme Gewalttaten zu schaffen, ist ein erster Schritt, um diese in Zukunft zu verhindern. Deswegen schließen wir uns dem Aufruf zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum 35. Todestag von Ramazan Avcı an. Diese findet, unter Einhaltung der Corona-Auflagen, am 21.12. um 18 Uhr am Ramazan- Avcı-Platz statt.