Wie wollen wir gedenken?

Wir möchten uns ganz herzlich bei allen Teilnehmer*innen bedanken.

Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist auf unserem Youtubekanal zu sehen!

Ein Gespräch über Erinnerungskultur im Fußball

Vor über einem Jahr, am 27.1.2020, weihte der HSV auf Initiative des Netzwerks Erinnerungsarbeit eine Tafel in Gedenken an die Verfolgten des Nationalsozialismus ein. Seitdem steht diese Tafel am Eingang Nord-Ost neben dem Eingang zum Fanrestaurant „Die Raute“.

Das war ein wichtiger Schritt, der aber nur einer von vielen sein kann. Gedenken ist ein stetiger und aktiver Prozess, der mit dem Aufstellen einer Tafel nicht beendet ist. Doch wie wollen wir als HSV diesen Prozess angehen? Wie möchten wir als Verein und Fans in Zukunft Mitgliedern der HSV-Familie, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden, gedenken? Wie gehen wir damit um, dass etliche HSVer Täter im Nationalsozialismus waren?

Wir haben zum 27.1.2021 zahlreiche Fanclubs und Vereinsgremien angeschrieben und gefragt, wie wir gedenken wollen. Um diese Ergebnisse vorzustellen und uns weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, veranstalten wir am 27.4. um 19.00 Uhr ein Online-Podium. Die Referent*innen kommen aus unterschiedlichen Fußball-Kontexten und diskutieren darüber, wie Erinnerungskultur speziell beim HSV und allgemein im Fußball aussehen kann, was es dabei zu beachten gilt und wo aktuelle Herausforderungen, aber auch Chancen liegen.

Mit auf dem Podium sind:

Felix Tamsut: Freier Journalist, der über Fankultur in Deutschland berichtet. Er ist selbst aktiver Fan beim 1. FC Köln, kommt aus Israel und ist Jude.

Juliane Röleke: Historikerin, selbstständige Bildungsreferentin, ehemalige wissenschaftliche Leitung des Projekts „Aus der eigenen Geschichte lernen“ von Hertha BSC, promoviert aktuell zu Alltag und Geschlecht im Nordirlandkonflikt und arbeitet nebenbei weiter für verschiedene Fußballvereine und NS-Gedenkstätten.

Paula Scholz: Kriminologin, freie Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, aktiv im Netzwerk Erinnerungsarbeit, ist Teil vom Netzwerk F_in – Frauen im Fußball und arbeitet an einer Ausstellung über rechten Einfluss auf die HSV-Fanszene der 1980er Jahre.

Niko Stövhase: Leiter des HSV-Museum, erarbeitet gerade mit einer Gruppe Studierender der HAW ein Konzept für einen Gedenkort für verstorbene Fans im HSV-Museum.

Christoph Ruf (freier Journalist und Autor) moderiert die Veranstaltung.

Netzwerk Erinnerungsarbeit (Netz E), März 2021

Netzwerk – Der Podcast vom Netz E – Folge 06

Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Am 20. April 2021 jährt sich zum 76. Mal ein schreckliches Verbrechen, welches durch Nationalsozialisten in Hamburg-Rothenburgsort verübt wurde. Im Keller der Schule am Bullenhuser Damm wurden zwanzig jüdische Kinder in der Nacht auf den 21. April 1945 ermordet. Die Kinder wurden zuvor Opfer grausamer Menschenversuche. Sie wurden ermordet, um die Spuren dieser Experimente zu verwischen. Die Tat und der Gedenkort sind vielen Hamburger*innen heute immer noch unbekannt. Warum ist das so? Was wissen wir heute über die Geschichte der Kinder? Wie kann das Gedenken an die Kinder und weitere Opfer des NS stärker in den Fokus der Stadtgesellschaft rücken? Und was haben wir als HSV-Fans damit zu tun? Darüber sprechen wir mit Nicole Mattern, die die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm leitet. Mit ihr arbeiten wir die Tat und ihre Umstände, aber auch den Kampf um das Erinnern an die Kinder auf. Zudem diskutieren wir, wieso auch der HSV eine Rolle in der Erinnerungskultur Hamburgs spielen muss.

Die Schilderung der Ermordung der Kinder ist Teil dieser Podcast-Folge. Falls ihr euch diese Schilderung nicht anhören möchtet, empfehlen wir euch das Segment von ca. 14:50 bis ca. 19:08 zu überspringen.

Den Link zur digitalen Gedenkfeier findet ihr am 20.04. ab 18 Uhr und darüber hinaus unter http://www.kinder-vom-bullenhuser-damm.de/ . Dort bekommt ihr auch viele weitere Informationen zur Vereinigung und zur Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm.

Die Veranstaltung des Netzwerk Erinnerungsarbeit am 27.04. um 19 Uhr wird live gestreamt. Auf http://netzwerk-erinnerungsarbeit.de/ wird rechtzeitig der entsprechende Link veröffentlicht.

In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 wurden in Hamburg 20 jüdische Kinder von der SS ermordet. Sie waren 5 bis 12 Jahre alt.

Mania Altman – 5 Jahre, Polin

Lelka Birnbaum – 12 Jahre, Polin

Sergio de Simone – 7 Jahre, Italiener

Surcis Goldinger – 11 Jahre, Polin

Riwka Herszberg – 7 Jahre, Polin

Alexander Hornemann – 8 Jahre, Niederländer

Eduard Hornemann – 12 Jahre, Niederländer

Marek James – 6 Jahre, Pole

Walter Jungleib – 12 Jahre, Slowake

Lea Klygermann – 8 Jahre, Polin

Georges-André Kohn – 12 Jahre, Franzose

Bluma Mekler – 11 Jahre, Polin

Jacqueline Morgenstern – 12 Jahre, Französin

Eduard Reichenbaum – 10 Jahre, Pole

Marek Steinbaum – 10 Jahre, Pole

H. Wassermann – 8 Jahre, Polin

Eleonora Witońska – 5 Jahre, Polin

Roman Witoński – 7 Jahre, Pole

Roman Zeller – 12 Jahre, Pole

Ruchla Zylberberg – 9 Jahre, Polin

Zusammen mit den Kindern wurden in dieser Nacht die vier Betreuer der Kinder und 24 sowjetische Häftlinge ermordet.

Zur Person Tomasz Froelich: Rechtsextreme Positionen offenlegen – Solidarität mit antirassistischen Fan-Initiativen!

Vor rund sechs Wochen machte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Alternativen (Jugendorganisation der AfD), Tomasz Froelich, in sozialen Netzwerken auf sich aufmerksam. Einen mutmaßlichen Angriff auf AfD-Mitarbeiter an einem Wahlstand, nahm der Pressesprecher der AfD im EU-Parlament zum Anlass, die Einführung von Schlägertrupps, oder in seinen Worten „stabiler Leute“ zu fordern, damit „Ruhe“ sei. Diese sollten passenderweise den Namen Sicherheitsdienst tragen. Sicherheitsdienst, kurz SD, hieß der Geheimdienst der NSDAP und der Schutzstaffel (SS) zur Zeit des Nationalsozialismus.

Dürfte viele Menschen dieser Vorschlag seitens eines AfD-Politikers wenig überraschen, so stellt er für uns doch den Anlass dar, sich der Person Tomasz Froelich genauer anzunehmen. Denn dieser ist nicht nur AfD-Politiker, sondern auch HSV-Fan. Aus seiner Leidenschaft für den Verein und auch die Glasgow Rangers macht er keinen Hehl, im Gegenteil. Lange Zeit zierten sein Instagram-Profil die Farben beider Klubs und auch auf Facebook und Twitter waren die Vereinsnamen Teil seines Auftritts. Via Instagram verbreitete sich anschließend auch ein Bild, was vor dem Ibrox Park, Spielstätte der Glasgow Rangers, mit anderen Menschen aus dem Umfeld des HSV aufgenommen wurde. Dieses diente antifaschistischen Recherchegruppen als Beleg, dass Froelich durch seine langjährige Nähe zu Hooligan-Kreisen, seinen markigen Worten auch Taten folgen lassen kann.

Unter dem Vorwand, die gezeigten Personen aus seinen öffentlichen und politischen Äußerungen herauszuhalten, wehrte sich Froelich gegen die Weiterverbreitung des Bildes in Verbindung mit seinen Aussagen. Der von Fans geführten Facebook Seite „HSV Fans gegen Rechts“ drohte er mit Schadensersatzforderungen, da angeblich Arbeitgeber*innen von dem Posting Wind bekommen hätten. Neben dieser überzogenen und juristisch vollkommen haltlosen Drohung, argumentierte Froelich auch, dass Vergleiche seiner Äußerungen mit Strukturen aus der NS-Zeit die Taten des Nationalsozialismus verharmlosen und den Opfern nicht gerecht werden würden. Eine interessante Aussage, wenn man bedenkt, was Parteigrößen der AfD wie Björn Höcke oder Alexander Gauland regelmäßig an Relativierungen und Verharmlosungen zu Nazi-Deutschland vom Stapel lassen.

Waren es in den vergangenen Jahren fast ausschließlich die Derbys gegen Celtic und einige ausgewählte internationale Spiele, zu denen sich Froelich beim neuen HSV-Partner blicken ließ, so wagte er sich Ende des Jahres 2019 auch vermehrt wieder zu Auswärtsspielen des HSV, unter anderem in Osnabrück und Basel. Die Nähe, die er zur Fanszene suchte, ebbte schnell wieder ab. Jeglichen Ambitionen, sich im Umfeld der HSV-Fanszene zu bewegen, wurde von den aktiven Gruppen dann auch eine klare Absage erteilt.

Die Äußerung zu möglichen Schlägertrupps, die dazu führte, darf dabei getrost nur als Spitze des Eisberges betrachtet werden. Während seines Studiums in Wien begann Froelich, ehrenamtlich für das Ludwig von Mises Institut zu arbeiten. Dieses ist dafür bekannt, marktradikale Positionen zu vertreten, die z.B. einen Abbau von Sozialleistungen beinhalten, und zudem eng mit der AfD verbandelt zu sein. In der Konsequenz steht das Institut unter anderem für die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts und für ein Wahlrecht ein, dass nur solchen Menschen zugänglich sein soll, die keine Staatsleistungen erhalten (Quelle: https://andreaskemper.org/2020/05/05/degussa-und-antidemokratie/). Ähnliche Ansichten und Positionen vertrat Froelich auch in seinen Publikationen auf dem Blog „eigentümlich frei“. Diese beinhalteten unter anderem Artikel über die „deutsche Täuschungspresse“ (Quelle: https://ef-magazin.de/2016/10/03/9867-wahlsieger-oder-wahlverlierer-viktor-orbn-das-fluechtlingsreferendum-und-die-deutsche-taeuschungspresse) oder ein Interview mit dem Österreich-Chef der rechtsextremistischen Identitären Bewegung, Martin Sellner (Quelle: https://ef-magazin.de/2016/09/12/9764-interview-mit-martin-sellner-identitaere-bewegung).

Sein libertäres (staatliche Regulierung weitestgehend ablehnendes) Wirken und Positionen wie die, das staatliche Bildungssystem aufzulösen und zu privatisieren, ebenso wie den gebührenfinanzierten Rundfunk (Quelle: https://forum-freie-gesellschaft.de/thomasz-m-froelich-bildungsvielfalt-statt-bildungseinfalt/), brachten Froelich in die Rolle als Büroleiter von Jörg Meuthen. Zunächst im Landtag von Baden-Württemberg, dann in Brüssel. Doch seit kurzem dient Froelich nicht mehr Meuthen allein, sondern der gesamten AfD-Fraktion im europäischen Parlament. Konsequenterweise haben sich seine, für AfD-Verhältnisse, gemäßigten Töne im Meuthen-Stil dann auch gewandelt. Die Twitter-Bio wird nicht mehr von einem „Libertär“ sondern von einem „Rechts und gegen Umverteilung“ geziert. Dazu passt nun auch das gesamte Auftreten Froelichs. In den Beiträgen seines Facebook-Profils schreibt er diskriminierend von „aggressiven Nafris“, nutzt rassistische Zuschreibungen wie die „Vitalität von Orientalen und Afrikanern“ sowie die „Produktivität des Asiaten“ oder beschwert sich über die „Gendergrünglobohomoagenda“ und die „dauerhafte Verächtlichmachung von Weißen“. Auch der Deep State, Teil der rechtsextremen Verschwörungsideologie „QAnon“, kommt in Froelichs Thesen zu den USA vor.

Zusätzlich genießt er in seiner Rolle als Moderator des „Blick auf Brüssel“, sichtlich das Rampenlicht. Dort interviewt er EU-Abgeordnete seiner Partei zu unterschiedlichen Themen. Aussagen wie von Nicolaus Fest, der von „phänotypisch drei Männern, von denen zwei aber schwul sind“ spricht, werden von Froelich mit herzlichem Lachen begrüßt. Maximilian Krah bekommt bei ihm die Möglichkeit, über „Politik, die aus Washington vorgegeben wird“ zu sprechen und Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future als „Gesellschaftszerstörung“ zu bezeichnen. Zum Thema Migration darf Bernhard Zimniok in der Sendung von „Bevölkerungsauffüllung“ reden. Kurzum: Froelich fühlt sich wohl im neuen radikalen Gewand, das unter Meuthen noch nicht möglich war.

Auch ansonsten sind seine Positionen voll auf Linie der Flügelfraktion (völkisch-rechtsextreme Gruppierung in der AfD, die offiziell aufgelöst wurde). Zur Situation geflüchteter Menschen auf Moria fällt ihm nur ein, dass „Europa überlaufen“ werde und es „unser gutes Recht, unsere Heimat zu bewahren“ sei. Geflüchtete müssten abgeschoben werden, denn „es sind jetzt schon zu viele davon bei uns“. Menschen lassen sich also in Gruppen einteilen, die eben häufig oder weniger häufig in Deutschland vertreten sein dürfen, nichts anderes implizieren Begrifflichkeiten wie „davon“. Generell spricht sich Froelich für die Abschaffung des Asylrechts aus, also die Abschaffung von Grundrechten (Quelle: https://www.jetzt.de/politik/krise-auf-lesbos-tomasz-froelich-von-der-jungen-alternative-zur-situation-der-gefluechteten).

Über die Linie seiner Partei hinaus ist Froelich auch im sonstigen rechten Spektrum bestens vernetzt. Neben einer Kolumne für den rechtspopulistischen Deutschlandkurier, nahm er auch Podcast-Folgen mit der rechtsradikalen Ein-Prozent Bewegung auf. Für beide Medien setzte er sich prominent ein, nachdem deren Youtube-Kanäle wegen menschenfeindlicher Inhalte gesperrt wurden. Seine Social-Media-Profile beinhalten zudem ein Who is Who der rechten Szene. Ob Corona-verharmlosende Scherze von Dubravko Mandic, gegen den bereits das dritte Parteiausschlussverfahren läuft, oder sexistische Gewaltfantasien gegen politisch Andersdenkende von Kollegen der JA, Schmerzgrenzen gibt es bei Froelich keine.

Statements wie das der Hamburger Fanszene (Quelle: http://xn--nordtribne-hamburg-t6b.de/2021/02/stellungnahme/) sind deshalb wichtig, damit Personen wie Froelich keinen Schulterschluss mit Fangruppierungen üben können. Dass Faschisten nicht mehr nur Springerstiefel und Glatze tragen, sondern ihren Kleidungsstil angepasst haben, wird auch hier deutlich. Als beinharter Casual trägt er Burberry Schal, Stone Island Jacke und New Balance Schuhe. Hinzu kommt seine verkürzte Kritik am Kapitalismus und dem „modernen Fußball“, die er mit Menschenfeindlichkeit verpackt. Die scheint für ihn allerdings weniger ein Problem zu sein, als der antirassistische Konsens vieler Fangruppierungen in den Kurven.

Dass dieser Konsens in Hamburg, auch dank Fan-Initiativen wie der Facebook Seite „HSV Fans gegen Rechts“ und Recherchegruppen, zu großen Teilen Einzug gefunden hat, ist ein großes Verdienst. Dies gilt es, gerade in Zeiten von gesellschaftlichen Rechtsrucktendenzen, zu verteidigen und auszubauen. Damit sich in Deutschlands Fankurven nicht nur weiße, gewaltbereite Männer, sondern auch alle anderen Teile der Gesellschaft wohlfühlen und ausleben können. Und damit Menschen wie Tomasz Froelich sich nicht mehr mit einem Lifestyle schmücken können, den sie politisch bekämpfen und ihren Menschenhass nicht mehr im Stadion ausleben können. Unsere Solidarität gilt daher den „HSV Fans gegen Rechts“ und allen anderen Engagierten, die aufgrund ihrer kritischen Haltung ins Visier rechter Hassrede geraten.

Netzwerk – Der Podcast vom Netz E – Folge 05

Die „Causa“ Jatta – eine alles andere als normale Ermittlung

Selten wurde über einen Spieler mehr behauptet, erfunden und zusammengereimt als über Bakery Jatta. Wir fragen uns: Warum das alles? Wann hört das endlich auf? Dazu verschaffen wir uns in dieser Folge einen Überblick, was Spieler und Verein schon alles über sich ergehen lassen mussten. Zudem möchten wir den Blick auf das weiten, was viele Menschen mit Fluchterfahrung tagtäglich in Deutschland von Seiten der Behörden erwartet. Wir haben uns Unterstützung von Leuten geholt, die mehr Ahnung von der Materie haben als wir selbst. Vor allem aber mehr Ahnung als die, die diese Kampagne überhaupt zu verantworten haben. Neben einer Hilfsstelle für Geflüchtete haben wir auch mit Bakerys Anwalt Thomas Bliwier gesprochen. Zu guter Letzt ordnen wir die Dinge aus unserer Sicht ein und stellen klar: No matter what, we got your back!

Aufruf: Wie wollen wir gedenken?

Vor genau einem Jahr, am 27.1.2020, weihte der HSV auf Initiative des Netzwerk Erinnerungsarbeit eine Tafel in Gedenken an die Verfolgten des NS-Regimes ein. Seitdem steht diese Tafel nun am Eingang Nord-Ost neben dem Eingang zur Raute.

Wir freuen uns über diesen wichtigen Schritt, denken aber auch, dass es damit nicht getan ist. Gedenken ist ein stetiger und aktiver Prozess, der mit dem Aufstellen einer Tafel nicht beendet ist. Doch wie wollen wir als HSV diesen Prozess angehen? Wie möchten wir als Verein in Zukunft Mitgliedern der HSV-Familie, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden, gedenken? Diese Frage ist sicherlich nicht nur von einzelnen Gruppen, Personen oder Institutionen unseres Vereins zu beantworten. Viel mehr sollte dies das Ergebnis von konstruktiven Gesprächen und einem Austausch sein.

Daher nutzen wir das heutige Datum, um euch nach euren Meinungen zu fragen: Habt ihr Ideen, Wünsche oder Anliegen in Hinblick auf das zukünftige Gedenken in unserem Verein? Wie würdet ihr Euch ein würdiges Gedenken in unserem Verein wünschen? Welche Projekte schweben Euch vielleicht sogar schon vor? Welche Fragen habt ihr rund um ein gemeinsames Gedenken im Verein?

Wir planen, am 27.4.2021 eine Online-Veranstaltung mit Expert:innen vom HSV und darüber hinaus durchzuführen, wo wir ein Teil eurer Antworten mit einfließen lassen wollen. Also sendet gerne vorab eure Fragen, Anregungen und Wünsche via E-Mail an: NetzE.HSV@mail.de

„Stimmen der Kurve“? – Nazi-Propaganda bleibt Nazi-Propaganda

Seit Mitte Oktober veröffentlicht die neonazistische Partei „Der III. Weg“ auf ihrer Homepage eine Interviewreihe mit dem Titel „Stimmen der Kurve“. In dieser Reihe interviewt die Partei (vermeintliche) Personen aus unterschiedlichen Fußballfanszenen zur Situation in ihrer jeweiligen Szene und zu ihren persönlichen Einschätzungen über rechte Einflussnahme im Fußball. Nachdem bisher Interviews mit Personen aus Bremen, Magdeburg, Stuttgart, Kaiserslautern, Braunschweig, Halle, Berlin, Magdeburg, Chemnitz und von Dynamo Kiew veröffentlicht wurden, lud die Neonazi-Partei am letzten Freitag (22.01.2021) ein Interview über die HSV-Fanszene hoch. Wie in allen bisherigen Interviews beklagt sich der interviewte „Frank“ unter anderem über das Zurückdrängen rechter Strukturen in seiner Szene. Wir wollen diesen Versuch einer rechten Organisation, im Fußball Fuß zu fassen und dabei unseren HSV für ihre Zwecke zu missbrauchen, nicht unkommentiert lassen und diese Interviewreihe als das benennen, was es ist: Nazi-Propaganda.

 

Die Partei „Der III. Weg“ gründete sich im September 2018 in Süddeutschland. An der Gründung waren vor allem ehemalige NPD-Funktionäre sowie Teile des ein Jahr später verbotenen „Freies Netz Süd“, einem Netzwerk von freien Kameradschaften in Bayern, beteiligt. Die Partei ist bisher vor allem in Süd- und Ostdeutschland aktiv. Die Mitglieder verstehen sich selbst mehr als militante Nazi-Elite, denn als Nazi-Partei, die möglichst viele Mitglieder und Stimmen von Wähler:innen gewinnen will. Ihre Positionen sind rassistisch, völkisch und antisemitisch. Die parteiinterne „Arbeitsgruppe Körper & Geist“ bietet vor allem Kampfsporttrainings an. Bisher konnte „Der III. Weg“ in Hamburg noch nicht Fuß fassen, auch wenn es sicherlich in Zukunft Versuche geben wird, die Strukturen auch auf Norddeutschland auszuweiten. Hier gilt es wachsam zu sein und diese Handlungsspielräume immer und überall möglichst klein zu halten.

 

Nachdem der bayerische Fußballverein Türkgücü München 2019 in die dritte Liga aufstieg, gab es gegen den Verein immer wieder Proteste von rechts. Vor allem „Der III. Weg“ positionierte sich mit seiner „Türkgücü München nicht willkommen“-Kampagne und etlichen Aufklebern sowie dem Zeigen von Bannern in Städten, in denen Türkgücü danach gespielt hat, deutlich. So scheint der Aufstieg von Türkgücü München für die Neonazi-Partei Anstoß gewesen zu sein, sich vermehrt mit dem Thema Fußball auseinanderzusetzen. Dabei gehen sie der Frage nach, ob die von rechts bisher propagierte Aussage „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ überholt sei und sie fordern, „den Kampf um die Kurven“ zu führen. Auch wenn in vielen Fußballstandorten rechte Akteur:innen immer weniger offensiv auftreten können, sind deren Netzwerke im Fußball bis heute aktiv und reaktivierbar. Dies haben Demonstrationen wie HoGeSa in Köln im Oktober 2015, die Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 oder die Corona-Proteste wie im November 2020 in Leipzig deutlich gezeigt.

 

Wie ist die rechte Einflussnahme beim HSV einzuschätzen? Unsere Fanszene war in den 1980/1990er Jahren stark von rechtsoffenen bis rechten Positionen geprägt. Rassistische und antisemitische Äußerungen waren normal. Im Jahr 1985 waren rechte HSV-Fans an den Morden an Mehmet Kaymakcı (erschlagen in der Nacht vom 24. Juli zum 25. Juli in Hamburg-Langenhorn) und Ramazan Avcı (angegriffen am 21.12. in Hamburg-Eilbek, drei Tage später im Krankenhaus gestorben) beteiligt. Diese Morde sind in unserer Fanszene bis heute nicht aufgearbeitet worden. Trotzdem gibt es positive Veränderungen festzustellen: Immer mehr Gruppen und Fans positionierten sich gegen rechts und setzen sich für einen Fußball ein, der offen für alle ist, egal wo man herkommt, wen man liebt oder wie man aussieht. Allerdings sind die Nordtribüne und unser Verein groß und klar ist auch, dass es dort weiterhin Leute gibt, die rassistische oder anders diskriminierende Positionen teilen. Deswegen gilt es für alle HSV-Fans weiterhin wachsam zu sein – gerade auch in Zeiten geschlossener Stadien – und uns gegen solche plumpen Versuche, den Fußball und unseren HSV für rechte Propaganda zu missbrauchen, zu wehren.

Zum Gedenken an Ramazan Avcı: Betroffenenperspektive stärken, rechten Strukturen entgegentreten!

Heute jährt sich zum 35. Mal der Mord an Ramazan Avcı am Hamburger S-Bahnhof Landwehr. Zusammen mit zwei Begleitern, zu denen auch sein Bruder gehörte, wurde Ramazan Avcı von Neonazis angegriffen, die mit Ketten, Holzkeulen, Axtstielen und Gummiknüppeln bewaffnet waren. Bei der Flucht vor den Angreifern können Ramazan Avcıs Begleiter fliehen, er selbst wird von einem Auto der Neonazis erfasst und anschließend, am Boden liegend, getreten und geschlagen. Er erliegt seinen Verletzungen am 24. Dezember im Krankenhaus. Seine Verlobte, Gülüstan Avcı, bringt wenige Tage später den gemeinsamen Sohn zur Welt. Ramazan Avcı wurde 26 Jahre alt, er hatte große Teile seines Lebens noch vor sich.

Im Prozess gegen die Angeklagten wird Anklage wegen Totschlags erhoben, nicht wegen Mordes. Laut Strafgesetzbuch handelt es sich nur um einen Mord, wenn er aus niederen Beweggründen – wie beispielsweise Rassismus – begangen wurde. Die Argumentation der Staatsanwaltschaft lautet, dass dies auf die Täter zwar zutrifft, dies jedoch nur eine zusätzliche Motivation darstellte (Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/1985-Skins-schlagen-Ramazan-Avci-tot,avci106.html). Hauptsächlich hätten sich die Neonazis wegen des Tränengases rächen wollen, das die drei Angegriffenen zur Verteidigung anwendeten. Die Urteile für Ralph L. und Uwe P. lauten zehn bzw. sechs Jahren Haft wegen Totschlags. Wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung erhalten Volker K. und René W. je dreieinhalb Jahre Jugendstrafe. Norbert B. wird wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die milden Urteile lassen Angehörige und Freund*innen der Familie bis heute fassungslos zurück.

Auch politisch erhielten Gülüstan Avcı und ihr Sohn nur vereinzelt Unterstützung, von offizieller Seite der Stadt oder des Senats kümmerte sich niemand. Bis heute hat sich keine offizielle Stelle bei ihnen gemeldet, um sich zu entschuldigen, es gab keinerlei Entschädigungszahlungen (Quelle: https://www.mopo.de/hamburg/grausame-tat-in-hamburg-sie-schlugen-und-traten-auf-einen-wehrlosen-ein-37809508). Stellvertretend dafür stehen die Aussagen des damaligen Innensenators Rolf Lange (SPD), der erklärt, es handele sich um einen Einzelfall, „das Opfer hätte genauso gut ein Deutscher sein können.“ Auch Oppositionsführer Hartmut Perschau (CDU) wollte „nicht an eine gezielte Aktion gegen einen Ausländer“ glauben (Quelle: https://www.mopo.de/hamburg/ramazan-avci—26—dieser-hamburger-war-eines-der-ersten-opfer-von-rechten–10842944). Der Mord an Ramazan Avcı kann daher nicht isoliert betrachtet werden, er steht stellvertretend für ein gesellschaftliches Klima, welches rechte Gewalttaten schlicht zuließ und förderte. Dutzende Angriffe auf People of Color und Menschen mit Migrationserfahrung fanden in den Monaten und Jahren zuvor statt, auch in Hamburg.

Ähnliche Entwicklungen erleben wir auch heute wieder. Gülüstan Avcı berichtete im Interview mit der taz vom letzten Jahr, dass auch sie in jüngster Vergangenheit auf offener Straße körperlich angegriffen und rassistisch beleidigt wurde (Quelle: https://taz.de/Hinterbliebene-ueber-rassistischen-Mord/!5647296/). In ihr lebt das Gefühl fort, jederzeit zum Opfer werden zu können. Dafür sorgen, neben den Äußerungen von menschenfeindlichen Parteien, auch etablierte Strukturen im Stadtbild. So wie die Täter sich damals in der „Gaststätte Landwehr“ trafen, von der regelmäßig Gewalttaten ausgingen, gibt es leider auch heute noch zahlreiche rechte Treffpunkte und Kneipen in Hamburg. Dazu zählen in Teilen auch Orte, die mit Fußballvereinen und dessen Fans eng verbunden sind. Die Mörder von Ramazan Avcı waren beispielsweise organisierte Anhänger unseres HSV. Als solche waren sie jedoch keinesfalls isoliert. Bei einem Heimspiel im Februar 1986 wurden von rechten Skinheads Flugblätter im Volkspark verteilt, auf denen der Politik die Schuld für die Tat gegeben wurde, da diese zugelassen habe, dass „so viele Ausländer nach Deutschland kämen.“ Indem rechtsextremen Einstellungen Freiräume überlassen werden, werden Angriffe auf Menschen, die nicht in ein neonazistisches Weltbild passen, billigend in Kauf genommen. Dagegen gilt es, sich zu organisieren und solchen Strukturen entgegen zu treten.

Dem Engagement von Gülüstan Avcı und der Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı ist es zu verdanken, dass im Jahr 2012 der Tatort am S-Bahnhof Landwehr in Ramazan- Avcı-Platz umbenannt worden ist. Einen Platz zum Gedenken an die Opfer und zur Information über rechtsextreme Gewalttaten zu schaffen, ist ein erster Schritt, um diese in Zukunft zu verhindern. Deswegen schließen wir uns dem Aufruf zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum 35. Todestag von Ramazan Avcı an. Diese findet, unter Einhaltung der Corona-Auflagen, am 21.12. um 18 Uhr am Ramazan- Avcı-Platz statt.

Folge 04 – Ständig auf Achse: Die rollenden HSV-Fans

Als rollende HSV-Fans haben sich André und Marcel in sozialen Netzwerken und der HSV-Fanszene bereits einen Namen gemacht. Sie fahren regelmäßig zu Heim- und Auswärtsspielen und schauen sich auch gern Stadien anderer Ligen und Vereine an. Doch wie erleben die beiden als Rollifahrer den normalen Wahnsinn eines Spieltages? Was für schöne Erlebnisse, aber auch Widrigkeiten kann ein Stadionbesuch für sie mit sich bringen? Wir sprechen mit den beiden über Barrierefreiheit im Fußball und in der Gesellschaft, über ihre Anfänge in der HSV-Familie und ihre Sehnsucht nach Stadionbesuchen in der Corona-Zeit. Mehr Infos und regelmäßige Updates zu André und Marcel findet ihr auf ihren Kanälen bei

Twitter: Marcel Fricke (@rollenderhsvfan) / Twitter
Facebook: Rollenderhsvfan | Facebook
Und Instagram: rautenfranz (André Fricke), rollenderhsvfan (Marcel Fricke)

 

Folge 03 – Das Hamburger Weg Klassenzimmer

In die Schule gehen wir selbst nicht mehr, das Klassenzimmer des Hamburger Wegs finden wir trotzdem spannend. Im Volksparkstadion werden für Schulklassen Workshops zu verschiedenen Themen angeboten. Zu Gast ist Robin, Lehrkraft im Klassenzimmer, von dem wir uns das Projekt erklären lassen. Gemeinsam sprechen wir über Ansätze für pädagogische Arbeit mit Fußballfans, über die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen dieser Arbeit.

Mehr Infos zum Klassenzimmer findet ihr hier: https://www.hsv.de/volksparkstadion/testseite-stadionfuehrung-museum/hh-weg-klassenzimmer

Folge 02 – Blick über den Tellerrand: Die Schalker Fan-Initiative

Im Rahmen unseres Auswärtsspiels in Bochum im Februar, waren wir bei der Schalker Fan-Initiative e.V. (https://www.fan-ini.de/ ) zu Gast. Bei Bier und Pizza tauschten wir uns auf der „Schalker Meile“ über das aus, was uns in Hamburg und Gelsenkirchen gleichermaßen bewegt: Die Arbeit gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Sexismus im Fußballumfeld. Ein Austausch, an dem wir Euch gerne teilhaben lassen möchten.

In unserer Folge 02 unterhalten sich Simon und Julius mit Sven von der „Fanini“ über die Geschichte des Vereins, der 1992 unter dem Motto „Schalker gegen Rassismus“ entstand,  und die aktuelle Situation in Gelsenkirchen.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Hören!